

Luxemburgischer Politiker
Cimetière Notre-Dame
Gaston Thorn (* 3. September 1928 in Luxemburg; gestorben am 26. August 2007 in Luxemburg) war ein luxemburgischer Politiker, Jurist und europäischer Staatsmann. Er war Premierminister Luxemburgs, Präsident der Generalversammlung der Vereinten Nationen und von 1981 bis 1985 Präsident der Europäischen Kommission. Seine politische Arbeit war von der Erfahrung der deutschen Besatzung Luxemburgs und vom Wunsch nach einem enger verbundenen Europa geprägt.
Thorn wurde in Luxemburg geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Straßburg. Während der deutschen Besatzung Luxemburgs beteiligte er sich als Schüler am Widerstand und wurde mehrere Monate inhaftiert. Diese frühe Erfahrung gab seinem späteren europäischen Denken eine konkrete historische Grundlage. Nach dem Krieg studierte er in Montpellier, Lausanne und Paris Rechtswissenschaft und arbeitete als Anwalt.
1959 zog Thorn für die liberale Demokratische Partei in die Politik ein. Er war Mitglied des Europäischen Parlaments, später Außenminister und ab 1974 Premierminister Luxemburgs. Seine Regierung war eine liberal-sozialistische Koalition und brach mit der langen Dominanz der christlich-sozialen Partei. Thorn verband nationale Politik mit einem ausgeprägten internationalen Blick; Luxemburg verstand er als kleines Land, dessen Sicherheit und Einfluss in europäischen Strukturen wuchsen.
1975 wurde Thorn Präsident der 30. Generalversammlung der Vereinten Nationen. In dieser Rolle vertrat er nicht nur Luxemburg, sondern auch eine politische Haltung: Dialog, multilaterale Ordnung und die Einbindung kleiner Staaten in internationale Entscheidungsräume. Seine Mehrsprachigkeit und seine Erfahrung als Außenminister halfen ihm, zwischen unterschiedlichen politischen Lagern zu vermitteln.
1981 übernahm Thorn den Vorsitz der Europäischen Kommission. Seine Amtszeit fiel in eine schwierige Phase der Europäischen Gemeinschaft: wirtschaftliche Krise, Haushaltsstreit mit Großbritannien und stockende Integration. Dennoch wurden unter seiner Kommission wichtige Vorarbeiten für die Süderweiterung um Griechenland, Spanien und Portugal sowie für die spätere Einheitliche Europäische Akte geleistet. Thorn war kein machtvoller Durchsetzer wie Jacques Delors nach ihm, aber er hielt den europäischen Kurs in einer zähen Zeit offen.
Nach dem Ende seiner Kommissionspräsidentschaft wechselte Thorn in die Wirtschaft. Er übernahm Führungsaufgaben in der luxemburgischen Medien- und Finanzwelt und blieb zugleich europapolitisch aktiv, unter anderem im International European Movement. Seine Laufbahn zeigt, wie eng Politik, europäische Institutionen und Luxemburger Wirtschaftsinteressen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden waren.
Gaston Thorn starb am 26. August 2007 in Luxemburg. Er wurde 78 Jahre alt. Sein Lebensweg führt von Widerstand und Nachkriegspolitik zu europäischer Institutionenarbeit und macht sichtbar, wie stark die europäische Einigung von Politikern kleiner Staaten mitgetragen wurde.