
Hans-Georg Gadamer (* 11. Februar 1900 in Marburg; gestorben am 13. März 2002 in Heidelberg) war ein deutscher Philosoph. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der philosophischen Hermeneutik. Sein Hauptwerk Wahrheit und Methode erschien 1960 und prägte die Diskussion darüber, wie Menschen Texte, Kunst, Geschichte und einander verstehen.
Gadamer wuchs als Sohn eines Naturwissenschaftlers auf und studierte nach dem Ersten Weltkrieg Philosophie und Klassische Philologie. Er lernte in einem Umfeld, das von Neukantianismus, Phänomenologie, Lebensphilosophie und der Auseinandersetzung mit der Antike geprägt war. Besonders wichtig wurde für ihn Martin Heidegger, bei dem Gadamer 1922 promovierte. Zugleich blieb sein Denken stark mit Platon, Aristoteles und der klassischen Tradition verbunden.
Gadamer lehrte unter anderem in Marburg, Kiel, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er in Leipzig tätig, wechselte später nach Frankfurt und kam 1949 nach Heidelberg. Dort wurde er zu einer prägenden Figur der deutschen Nachkriegsphilosophie. 1968 wurde er emeritiert, blieb aber weit über seine offizielle Lehrzeit hinaus wissenschaftlich aktiv, hielt Vorträge und nahm an internationalen Debatten teil.
Mit Wahrheit und Methode entwickelte Gadamer seine philosophische Hermeneutik. Er widersprach der Vorstellung, Verstehen lasse sich vollständig nach dem Modell einer neutralen Methode erklären. Für ihn ist Verstehen geschichtlich, sprachlich und dialogisch. Wer etwas versteht, steht nicht außerhalb der Überlieferung, sondern bringt eigene Voraussetzungen mit. Berühmt wurde dafür der Gedanke der „Horizontverschmelzung“, also der Bewegung zwischen Gegenwart und überliefertem Sinn.
Gadamers Denken beeinflusste Philosophie, Literaturwissenschaft, Theologie, Rechtswissenschaft und Kunsttheorie. Zugleich blieb es umstritten. Kritiker fragten, ob seine Betonung von Tradition Machtverhältnisse und Ideologie ausreichend kritisch erfasse. Gerade diese Debatten machten seine Hermeneutik produktiv: Sie zwang dazu, Verstehen nicht nur als Technik, sondern als geschichtliche und soziale Beziehung zu betrachten.
Hans-Georg Gadamer starb am 13. März 2002 in Heidelberg, wenige Wochen nach seinem 102. Geburtstag. Seine Biografie verbindet ein außergewöhnlich langes akademisches Leben mit einer Philosophie, die das Gespräch selbst ernst nimmt: Verstehen entsteht nicht durch bloßes Anwenden von Regeln, sondern im geduldigen Umgang mit Sprache, Geschichte und anderen Menschen.
bis 1919
Doktorgrad · bis 1922
bis 1938
bis 1948
bis 1949
bis 2002