
Österreichische Schriftstellerin
Ilse Aichinger (* 1. November 1921 in Wien; gestorben am 11. November 2016 in Wien) war eine österreichische Schriftstellerin. Sie schrieb Prosa, Gedichte, Hörspiele und Essays. Ihr Werk gehört zu den eigenständigsten Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und ist eng mit Verfolgungserfahrung, Sprachskepsis, Erinnerung und einer immer knapper werdenden Form verbunden.
Aichinger wurde gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Helga geboren. Die Mutter Berta Kremer war Ärztin und stammte aus einer jüdischen Familie, der Vater Ludwig Aichinger war Lehrer. Nach der Scheidung der Eltern wuchsen die Schwestern in Wien auf. Unter dem Nationalsozialismus wurde die Familie verfolgt. Helga konnte 1939 nach England fliehen; Ilse blieb mit der Mutter in Wien. Die Großmutter wurde 1942 nach Minsk deportiert und ermordet.
Nach dem Krieg begann Aichinger ein Medizinstudium, wandte sich aber bald ganz dem Schreiben zu. 1948 erschien ihr einziger Roman Die größere Hoffnung. Er erzählt von Kindern, die in Wien unter nationalsozialistischer Verfolgung leben, aber nicht in einer einfachen realistischen Chronik. Aichinger arbeitet mit Bildern, Brüchen, Traumlogik und einer Sprache, die Angst und Hoffnung zugleich trägt. Der Roman wurde zu einem frühen literarischen Zeugnis der Verfolgung in Österreich.
Anfang der 1950er-Jahre wurde Aichinger im Umfeld der Gruppe 47 bekannt. Für ihre Erzählung Spiegelgeschichte erhielt sie 1952 den Preis der Gruppe. Der Text erzählt ein Leben rückwärts, vom Tod zurück zur Kindheit, und machte sichtbar, wie radikal Aichinger mit Form und Zeit umgehen konnte. Sie wurde damit zu einer wichtigen Autorin einer Literatur, die nach 1945 nicht einfach weitererzählen wollte, als sei nichts geschehen.
Aichingers Texte wurden im Lauf der Jahre immer konzentrierter. In Erzählungen wie Der Gefesselte, in Hörspielen, Gedichten und Prosaminiaturen suchte sie nach Sätzen, die nicht zu viel behaupten. Ihre Literatur misstraut fertigen Erklärungen. Sie arbeitet mit Lücken, Paradoxien, leisen Verschiebungen und einer Genauigkeit, die oft härter wirkt als laute Anklage. Gerade dieses Zurücknehmen wurde zu ihrer Stärke.
1953 heiratete Aichinger den Schriftsteller Günter Eich. Das Paar hatte zwei Kinder, Clemens und Mirjam. Eich starb 1972, der Sohn Clemens 1998. Aichinger lebte später wieder in Wien und veröffentlichte nur noch sparsam. Dennoch blieb sie für viele Leserinnen, Leser und Autorinnen eine Maßfigur der literarischen Genauigkeit. Zu ihren Auszeichnungen gehörten unter anderem der Preis der Gruppe 47 und der Große Österreichische Staatspreis für Literatur.
Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 in Wien. Sie wurde 95 Jahre alt. Ihr Werk bleibt mit einer seltenen Strenge verbunden: Es bewahrt Erinnerung nicht durch große Worte, sondern durch Genauigkeit, Brüche und die Bereitschaft, dem Schweigen Raum zu lassen.
bis 1950
Spiegelgeschichte