

Schweizer Arzt und Literaturwissenschaftler, Medizin- und Ideengeschichtler
Jean Starobinski (* 17. November 1920 in Genf; gestorben am 4. März 2019 in Morges) war ein Schweizer Literaturkritiker, Ideenhistoriker, Arzt und Psychiater. Er verband französische Literatur, Medizingeschichte, Philosophie und genaue Lektüre. Besonders seine Arbeiten zu Jean-Jacques Rousseau, zur Aufklärung und zur Melancholie gehören zur Genfer Schule der Literaturkritik.
Starobinski wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die aus Polen nach Genf gekommen waren, um Medizin zu studieren. Er wuchs in einem mehrsprachigen, gebildeten Umfeld auf und studierte selbst Literatur und Medizin an der Universität Genf. Diese doppelte Ausbildung bestimmte seine Arbeit dauerhaft. Texte las er nicht als isolierte Kunstwerke, sondern als Ausdruck von Sprache, Körper, Blick, Krankheit, Geschichte und gesellschaftlicher Erfahrung.
1957 erschien Jean-Jacques Rousseau: la transparence et l'obstacle, eine Studie, die aus seiner literaturwissenschaftlichen Dissertation hervorging. Starobinski untersuchte darin Rousseaus Wunsch nach Offenheit und unmittelbarer Verständigung, aber auch die Hindernisse, Masken und Spannungen, die diese Offenheit begrenzen. Das Buch wurde ein Bezugspunkt für die moderne Rousseau-Forschung und für eine Kritik, die geduldig liest, ohne den Text einem festen System zu unterwerfen.
Starobinskis medizinische Ausbildung führte ihn zur Geschichte der Melancholie, der Psychiatrie und der Vorstellungen vom kranken oder verletzten Inneren. Seine zweite Dissertation behandelte die Geschichte der Behandlung von Melancholie. Später kehrte er in vielen Aufsätzen und Büchern zu diesem Thema zurück. Dabei verband er medizinische Begriffe mit Literatur, Kunst und Philosophie, ohne die eine Perspektive auf die andere zu reduzieren.
Starobinski lehrte an der Universität Genf, zeitweise auch an Johns Hopkins und in Basel. In Genf unterrichtete er Geschichte der Ideen, Medizingeschichte und französische Literatur. Er stand in Verbindung mit der sogenannten Genfer Schule, die Literatur als bewusste Form, Imagination und Erfahrung ernst nahm. Seine Arbeit blieb offen für Strukturalismus, Psychoanalyse und Sprachtheorie, ohne sich vollständig einer dieser Richtungen anzuschließen.
1984 erhielt Starobinski den Balzan-Preis für Geschichte und Kritik der Literaturen. Er veröffentlichte über Jahrzehnte Bücher und Aufsätze zu Rousseau, Diderot, Montaigne, Montesquieu, Kunst, Musik, Medizin und Kritik. 2010 übergab er seine umfangreiche Bibliothek mit mehr als 40.000 Bänden an das Schweizerische Literaturarchiv. Damit wurde seine Arbeitswelt selbst zu einem Ort der Forschung.
Jean Starobinski starb am 4. März 2019 in Morges. Er wurde 98 Jahre alt. Sein Werk bleibt mit einer Form des Lesens verbunden, die Aufmerksamkeit, historisches Wissen, medizinische Erfahrung und sprachliche Feinheit zusammenführt.
bis 1949
bis 1954
bis 1985
bis 1961