

Norwegischer Politologe und Friedensforscher
Johan Vincent Galtung (* 24. Oktober 1930 in Oslo; gestorben am 17. Februar 2024 in Bærum, Norwegen) war ein norwegischer Soziologe, Mathematiker und Friedensforscher. Er zählt zu den wichtigsten Begründern der modernen Friedens- und Konfliktforschung. Mit dem Peace Research Institute Oslo, dem Journal of Peace Research und Begriffen wie strukturelle Gewalt, negativer Frieden und positiver Frieden gab er einem jungen Forschungsfeld Sprache, Institutionen und internationale Sichtbarkeit.
Galtung wurde in Oslo geboren und erlebte als Kind die deutsche Besatzung Norwegens. Sein Vater, ein Arzt, behandelte im Krieg Verwundete ohne Blick auf deren Nationalität; diese Erfahrung wurde später zu einem Bezugspunkt für Galtungs Denken über Gewalt, Verantwortung und menschliche Sicherheit. Als er 1951 zum norwegischen Militärdienst eingezogen werden sollte, verweigerte er den Dienst aus Gewissensgründen. Die Haftzeit nutzte er, um sich intensiv mit Gandhi und gewaltfreiem Konfliktverhalten zu beschäftigen. An der Universität Oslo verband er Mathematik, Soziologie und Statistik zu einer Arbeitsweise, die Friedensfragen nicht nur moralisch, sondern systematisch untersuchen wollte.
Nach einer Station an der Columbia University kehrte Galtung nach Norwegen zurück und baute am Norwegischen Institut für Sozialforschung eine Abteilung für Konflikt- und Friedensforschung auf. Daraus entwickelte sich das Peace Research Institute Oslo, dessen frühe Jahre eng mit ihm verbunden blieben. 1964 gründete er das Journal of Peace Research, das international zu einem zentralen Forum des Fachs wurde. 1969 übernahm er an der Universität Oslo eine Professur für Konflikt- und Friedensforschung. Damit erhielt ein Forschungsfeld akademisches Gewicht, das Gewalt, Krieg, Ungleichheit und Friedensmöglichkeiten nicht als getrennte Themen behandelte.
Galtungs Aufsatz Violence, Peace, and Peace Research von 1969 gehört zu den meistzitierten Texten seines Werks. Darin unterschied er zwischen direkter Gewalt und struktureller Gewalt: Gewalt konnte für ihn auch dort wirken, wo soziale Strukturen Menschen Lebenschancen, Gesundheit, Sicherheit oder Freiheit nehmen. Daraus entwickelte er die Unterscheidung zwischen negativem Frieden, also der Abwesenheit direkter Gewalt, und positivem Frieden, der auf gerechtere und tragfähigere Strukturen zielt. Diese Begriffe wurden weltweit aufgegriffen, weil sie Friedensarbeit über Waffenstillstand und Vertragslogik hinaus denken ließen.
Galtung war nicht nur Hochschullehrer. Er reiste viel, hielt Vorträge, beriet Akteure in Konflikten und suchte nach praktischen Wegen der Konflikttransformation. 1987 erhielt er den Right Livelihood Award; 1993 gründete er mit Fumiko Nishimura die Organisation Transcend, die Friedensarbeit, Entwicklung und Mediation verbinden sollte. Seine Stärke lag darin, Konflikte nicht nur als Nullsummenspiele zu lesen, sondern nach neuen Anordnungen zu fragen, in denen widersprüchliche Interessen anders bearbeitet werden können. Gerade diese Verbindung von Theorie, Beratung und öffentlicher Intervention machte ihn international bekannt.
Galtungs öffentliche Rolle blieb umstritten. Kolleginnen und Kollegen würdigten seine Gründungsleistung, beschrieben aber auch seine späteren Positionen als polemisch und schwerer nachvollziehbar. 2012 kritisierte der norwegische Human-Etisk Forbund Aussagen Galtungs über angebliche jüdische Macht und den Bezug auf die antisemitische Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion als schlechte Urteilskraft und als Abstand von humanistischen Werten. Diese Kritik ist Teil seines öffentlichen Wirkens: Sie zeigt, dass seine Autorität als Friedensforscher nicht jede spätere politische Aussage überzeugend oder vertretbar machte.
Johan Galtung starb am 17. Februar 2024 im Alter von 93 Jahren in Bærum. Sein Lebenswerk reicht von mathematisch-soziologischer Forschung über Institutionenaufbau bis zu praktischer Konfliktvermittlung. Bleibend ist vor allem der Versuch, Frieden als Forschungsfrage ernst zu nehmen: nicht als bloße Abwesenheit von Krieg, sondern als Arbeit an den Bedingungen, unter denen Gewalt weniger wahrscheinlich und menschliches Leben freier wird.
bis 1968