

Deutscher Literaturkritiker und Publizist
Hauptfriedhof Frankfurt
Marcel Reich-Ranicki (* 2. Juni 1920 in Włocławek, Polen, als Marcel Reich; gestorben am 18. September 2013 in Frankfurt am Main) war ein deutsch-polnischer Literaturkritiker, Publizist und Fernsehmoderator. Er prägte die Literaturkritik in der Bundesrepublik über Jahrzehnte und machte Gespräche über Bücher einem großen Publikum zugänglich.
Reich wurde in eine jüdische Familie geboren. Sein Vater David Reich war polnischer Jude, seine Mutter Helene stammte aus einer deutschen jüdischen Familie. 1929 zog die Familie nach Berlin. Dort machte Marcel Reich 1938 Abitur, durfte als Jude und polnischer Staatsangehöriger aber nicht studieren. Im Herbst desselben Jahres wurde er verhaftet und nach Polen deportiert. Nach der deutschen Besetzung Polens musste er im Warschauer Getto leben, wo er als Übersetzer für den Judenrat arbeitete.
Am 22. Juli 1942 heiratete Reich im Getto Teofila Langnas, genannt Tosia. An diesem Tag begann die Deportation der Jüdinnen und Juden aus Warschau nach Treblinka. Seine Eltern und sein Bruder wurden im Holocaust ermordet. Reich und seine Frau konnten 1943 fliehen und überlebten im Untergrund, versteckt von einem polnischen Ehepaar. Diese Erfahrungen blieben nicht bloß Lebenshintergrund; sie bestimmten Reich-Ranickis Verhältnis zu deutscher Sprache, deutscher Literatur und öffentlicher Erinnerung.
Nach der Befreiung arbeitete Reich zunächst für polnische Stellen, später im diplomatischen Dienst und im Auslandsnachrichtendienst. In dieser Zeit nahm er den Namen Ranicki an. Ende 1949 wurde er nach politischen Konflikten aus dem Dienst entlassen, aus der Partei ausgeschlossen und inhaftiert. Danach begann seine Arbeit als Literaturvermittler, Kritiker und Übersetzer in Polen. 1958 reiste er in die Bundesrepublik und kehrte nicht mehr nach Polen zurück.
In Westdeutschland schrieb Reich-Ranicki zunächst für Rundfunk, Zeitungen und Zeitschriften. 1960 wurde er ständiger Literaturkritiker der Wochenzeitung Die Zeit. 1973 übernahm er bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Redaktion für Literatur und literarisches Leben. Er konnte loben, scharf widersprechen und Bücher öffentlich wichtig machen. Seine Kritik war oft polemisch, aber sie wollte verständlich sein: Literatur blieb für ihn keine Sache kleiner Zirkel.
Am 25. März 1988 begann im ZDF Das Literarische Quartett. Reich-Ranicki diskutierte dort mit Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und wechselnden Gästen über neue Bücher. Die Sendung machte Literaturkritik fernsehtauglich, ohne sie in bloße Unterhaltung aufzulösen. Reich-Ranickis Temperament, seine deutlichen Urteile und sein sichtbares Vergnügen am Streit machten ihn weit über die Feuilletons hinaus bekannt.
1999 erschien seine Autobiographie Mein Leben, die ein großer Publikumserfolg wurde. 2002 erhielt er den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Am 27. Januar 2012 sprach Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Er schilderte den Beginn der Deportationen aus dem Warschauer Getto. Die Rede war schlicht, genau und persönlich; sie zeigte noch einmal, wie eng sein Leben mit deutscher Geschichte verbunden war.
Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2013 in Frankfurt am Main. Er wurde 93 Jahre alt. Sein Name bleibt mit einer seltenen öffentlichen Energie verbunden: mit der Liebe zur Literatur, mit der Bereitschaft zum klaren Urteil und mit einem Lebensweg, in dem deutsche Sprache, Verfolgung, Neuanfang und Kritik untrennbar ineinandergriffen.
bis 2011
Emeritus