

Österreichischer Dirigent und Cellist, Pionier der historischen Aufführungspraxis
Nikolaus Harnoncourt (* 6. Dezember 1929 in Berlin; gestorben am 5. März 2016 in St. Georgen im Attergau) war ein österreichischer Cellist, Dirigent und Musikdenker. Seine Arbeit prägte die historische Aufführungspraxis und veränderte den Blick auf Alte Musik ebenso wie auf Mozart, Beethoven, Schubert, Bruckner und das romantische Repertoire.
Harnoncourt wurde in Berlin geboren und wuchs ab den frühen 1930er-Jahren in Graz auf. Nach dem Krieg studierte er Cello in Wien und trat 1952 als Cellist in die Wiener Symphoniker ein. Diese Orchesterjahre gaben ihm Nähe zur großen Wiener Tradition, zugleich suchte er nach einer anderen Art des Musizierens: stärker an Quellen, Instrumenten, Sprache und historischer Klangvorstellung orientiert.
1953 heiratete Harnoncourt die Geigerin Alice Hoffelner. Im selben Jahr gründeten beide mit Gleichgesinnten den Concentus Musicus Wien. Das Ensemble arbeitete mit historischen Instrumenten und wollte Alte Musik nicht als Museumskunst behandeln, sondern als lebendige, genau erforschte Gegenwart. Nach langen Probenjahren trat der Concentus Musicus 1957 erstmals öffentlich auf und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Originalklangensembles Europas.
Harnoncourt verband musikalische Praxis mit Forschung. Gemeinsam mit Gustav Leonhardt begann er 1972 die Einspielung der Bach-Kantaten, ein Projekt, das die Wahrnehmung von Bachs geistlicher Musik nachhaltig veränderte. Monteverdi, Händel, Rameau und Bach wurden bei ihm nicht geglättet, sondern in ihrer rhetorischen Kraft hörbar. Sein Begriff von Musik als Klangrede machte deutlich, dass Noten für ihn keine glatte Oberfläche waren, sondern gesprochene, atmende und manchmal widersprüchliche Ausdrucksform.
Ab den 1970er-Jahren trat Harnoncourt immer stärker als Dirigent hervor. Er arbeitete an Opernhäusern, beim Theater an der Wien, in Zürich, bei den Salzburger Festspielen und mit Orchestern wie dem Concertgebouw-Orchester, dem Chamber Orchestra of Europe sowie den Wiener und Berliner Philharmonikern. Dabei blieb seine Methode erkennbar: Er suchte in vertrauter Musik nach Schärfe, Textnähe, Energie und innerer Spannung. Auch im klassischen und romantischen Repertoire hörte man bei ihm den Forscher, der bekannte Werke neu befragt.
Harnoncourt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Erasmuspreis, mehrere internationale Musikpreise und 2005 den Kyoto-Preis. Die Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker in den Jahren 2001 und 2003 machten ihn auch einem sehr breiten Publikum bekannt. In seinen späten Jahren blieb er neugierig und unbequem im besten Sinn: Er dirigierte Beethoven, Bruckner, Gershwin und Smetana mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der er sich einst Monteverdi und Bach genähert hatte.
Am 5. Dezember 2015 verabschiedete sich Nikolaus Harnoncourt in einem offenen Brief von der Bühne. Drei Monate später, am 5. März 2016, starb er in St. Georgen im Attergau im Kreis seiner Familie. Sein Lebenswerk bleibt mit einer Haltung verbunden, die Musik nicht als fertigen Besitz verstand, sondern als Frage an jede Generation von Musikerinnen, Musikern und Hörenden.