
Gerda Lerner (* 30. April 1920 in Wien als Gerda Hedwig Kronstein; gestorben am 2. Januar 2013 in Madison, Wisconsin) war eine österreichisch-amerikanische Historikerin, Autorin und eine der zentralen Begründerinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte als akademisches Feld. Ihr Leben verband Flucht vor dem Nationalsozialismus, politische Arbeit, späten Bildungsaufstieg und wissenschaftliche Institutionengründung.
Lerner wuchs in einer jüdischen Familie in Wien auf. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten inhaftiert; anschließend floh sie aus Österreich. Über Liechtenstein und andere Stationen gelangte sie in die Vereinigten Staaten. Diese Erfahrung machte Geschichte für sie nie zu einem neutralen Sammeln von Daten; sie fragte danach, wer in Quellen sichtbar wird, wer fehlt und warum ganze Gruppen aus historischen Erzählungen verschwinden.
In den USA arbeitete Lerner politisch, schrieb Texte, engagierte sich in sozialen Bewegungen und gründete eine Familie. Erst später begann sie ein reguläres Studium. 1963 machte sie ihren Abschluss an der New School, danach folgten Master und Promotion an der Columbia University. Sie setzte ihr Thema Frauen in der Geschichte gegen akademische Gewohnheiten durch, weil das Feld damals kaum institutionell anerkannt war.
Lerner wollte Frauen nicht als Randfiguren in eine vorhandene Geschichtserzählung einfügen. Sie zeigte, wie Quellen, Begriffe und Fragestellungen selbst verändert werden können. Ihre Edition Black Women in White America machte 1972 afroamerikanische Frauen als historische Akteurinnen sichtbar. Mit Arbeiten über die Grimké-Schwestern, über Patriarchat und über feministisches Bewusstsein verband sie Forschung, Lehre und politische Gegenwart.
Am Sarah Lawrence College baute Lerner Anfang der 1970er-Jahre das erste Graduiertenprogramm für Frauengeschichte in den USA mit auf. Später ging sie an die University of Wisconsin-Madison und half dort, ein Promotionsprogramm in Frauengeschichte zu etablieren. Damit schuf sie Strukturen, in denen neue Generationen von Historikerinnen und Historikern ausgebildet wurden. Ihre Arbeit wirkte in Büchern ebenso wie in Lehrplänen, Seminaren und akademischen Laufbahnen.
Lerner erhielt zahlreiche Ehrungen und blieb bis ins hohe Alter produktiv. In Fireweed schrieb sie ihre politische Autobiographie und verband persönliche Erinnerung mit Fragen nach Exil, Kommunismus, Feminismus und Verantwortung. Ihr wissenschaftlicher Einfluss lag darin, Geschichte als Streit um Sichtbarkeit ernst zu nehmen: Wer zählt als historisches Subjekt, wer schreibt die Archive, und wessen Erfahrung wird als Wissen anerkannt?
Gerda Lerner starb am 2. Januar 2013 in Madison. Sie wurde 92 Jahre alt. Ihr Werk bleibt mit einer grundlegenden Verschiebung verbunden: Frauen wurden in der Geschichtswissenschaft nicht länger als Ergänzung behandelt, sondern als Teil der Struktur historischer Erklärung.