
Ungarischstämmige, britische Biografin, Historikerin und Journalistin
Gitta Sereny (* 13. März 1921 in Wien; gestorben am 14. Juni 2012 in Cambridge, England) war eine österreichisch-britische Autorin, Historikerin und investigative Journalistin. Sie wurde vor allem durch lange, quellenreiche Arbeiten über NS-Verbrechen, Verantwortung und schwere Gewalttaten von Kindern bekannt.
Sereny wuchs in Wien und zeitweise in Großbritannien auf. Der Tod ihres Vaters, die politischen Umbrüche in Österreich und die Erfahrung des Nationalsozialismus prägten ihre Jugend. 1934 erlebte sie auf einer Reise den Nürnberger Reichsparteitag; später beschrieb sie, wie stark sie die Inszenierung damals beeindruckt hatte und wie sich dieser Blick durch die Realität der Verfolgung veränderte.
Nach dem „Anschluss“ Österreichs verließ Sereny mit ihrer Mutter Wien. Sie lebte in der Schweiz, in Frankreich und später in den Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach Europa zurück und arbeitete für die UN-Hilfsorganisation UNRRA mit Kindern, die aus Lagern befreit oder von ihren Familien getrennt worden waren. Diese Arbeit verband persönliche Erfahrung mit einem Thema, das sie ihr Leben lang beschäftigte: wie Menschen unter Gewalt, Ideologie und Schuld handeln.
Sereny schrieb für Zeitungen und Magazine in Großbritannien, Europa und den USA. Ihre Texte waren weniger auf schnelle Urteile angelegt als auf lange Gespräche, Aktenstudium und beharrliches Nachfragen. Sie wollte verstehen, wie Verantwortung entsteht, verdrängt oder behauptet wird. Gerade deshalb blieb ihre Arbeit umstritten: Nähe zu Gesprächspartnern konnte Erkenntnis ermöglichen, aber auch den Vorwurf auslösen, Tätern zu viel Raum zu geben.
Mit Into That Darkness veröffentlichte Sereny 1974 ihre Gespräche und Recherchen zu Franz Stangl, dem ehemaligen Kommandanten von Treblinka. Später arbeitete sie jahrelang zu Albert Speer und veröffentlichte 1995 Albert Speer: His Battle with Truth. In beiden Fällen ging es ihr nicht darum, Verbrechen zu relativieren. Sie untersuchte, wie Selbstrechtfertigung, Erinnerung und Wissen über Schuld miteinander verbunden sind.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Fall Mary Bell, die als Kind wegen der Tötung zweier jüngerer Kinder verurteilt worden war. Sereny schrieb zuerst über den Prozess und kehrte Jahrzehnte später zu dem Fall zurück. Ihr Buch Cries Unheard löste heftige Debatten aus, unter anderem wegen der Zusammenarbeit mit Bell. Sereny verteidigte ihr Vorgehen mit dem Ziel, Ursachen von Gewalt zu verstehen, ohne die Tat zu entschuldigen.
Sereny erhielt unter anderem den James Tait Black Memorial Prize, den Gold Dagger for Non-Fiction und den Stig-Dagerman-Preis. 2003 wurde sie für ihre journalistische Arbeit als Honorary CBE ausgezeichnet. Sie starb am 14. Juni 2012 in Cambridge. Ihr Werk bleibt mit einer schwierigen, aber wichtigen Form des Fragens verbunden: Wie sprechen Menschen über Schuld, wenn sie selbst beteiligt waren?