
Jean-Luc Godard (* 3. Dezember 1930 in Paris; gestorben am 13. September 2022 in Rolle, Schweiz) war ein französisch-schweizerischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmkritiker. Er gehört zu den prägenden Figuren der Nouvelle Vague und veränderte mit Filmen wie À bout de souffle, Le Mépris, Alphaville, Pierrot le Fou, Week-end und Adieu au langage die Sprache des Kinos. Godard machte Film zu einem Ort des Denkens: schnell, widersprüchlich, politisch, selbstreflexiv und oft bewusst unbequem.
Godard wurde in Paris geboren und verbrachte prägende Jahre auch in der Schweiz. Sein Vater leitete eine Klinik am Genfersee. In Paris studierte Godard zeitweise Ethnologie, doch wichtiger wurden für ihn die Kinos, die Cinémathèque und die Gespräche mit anderen jungen Filmbegeisterten. Er schrieb über Filme, bevor er selbst Filme drehte. Wie François Truffaut, Éric Rohmer, Jacques Rivette und Claude Chabrol kam er aus einer Kultur des Sehens, Streitens und Schreibens über Kino.
In den 1950er-Jahren schrieb Godard für Cahiers du cinéma und drehte erste Kurzfilme. Sein Blick auf Kino war von Bewunderung und Angriff zugleich geprägt. Er liebte amerikanisches Genre-Kino, lehnte aber erstarrte Formen ab. Für ihn waren Bilder nie nur Illustration. Sie konnten denken, widersprechen, zitieren, stolpern, springen. Diese Haltung wurde in seinem ersten Langfilm sichtbar.
Am 16. März 1960 kam À bout de souffle in Frankreich ins Kino. Der Film mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg wurde zu einem Signal der Nouvelle Vague. Godard nutzte Straßendrehs, lockere Dramaturgie, direkte Energie, Popkultur und harte Schnitte. Der Film wirkte wie ein Bruch mit dem gepflegten Studiokino. Er erzählte nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern zeigte, dass Film selbst denken und atmen kann. Diese Frische machte Godard international sichtbar.
In erstaunlich kurzer Zeit entstanden Filme, die bis heute zum Kern seines Werks gehören: Vivre sa vie, Le Mépris, Bande à part, Alphaville, Pierrot le Fou, Masculin féminin, La Chinoise und Week-end. Godard arbeitete mit Anna Karina, Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Brigitte Bardot, Raoul Coutard und vielen anderen. Seine Filme verbanden Liebe, Werbung, Philosophie, Politik, Gewalt, Musik und Filmgeschichte. Der Stil konnte spielerisch sein, aber auch scharf und kühl.
Ende der 1960er-Jahre wandte sich Godard stärker der politischen Avantgarde zu. Nach 1968 arbeitete er mit Jean-Pierre Gorin und dem Dziga-Vertov-Kollektiv an militanten, oft schwer zugänglichen Filmen. Diese Phase ist wichtig, weil Godard hier versuchte, nicht nur politische Filme zu machen, sondern die Produktionsweise des Kinos selbst anzugreifen. Das Ergebnis war konsequent, aber für viele Zuschauer verschlossen. Godards Werk blieb dadurch nicht bei der Nouvelle Vague stehen; es wurde zum dauernden Versuch, sich selbst zu widersprechen.
Ab den späten 1970er- und 1980er-Jahren arbeitete Godard wieder sichtbarer im Autorenkino, aber nie einfach rückwärtsgewandt. Sauve qui peut (la vie), Passion, Prénom Carmen, Je vous salue, Marie, Histoire(s) du cinéma, Éloge de l’amour, Notre musique, Film socialisme und Adieu au langage zeigen, wie stark er sich für Video, Montage, digitale Bilder, Schrift, Musik und Geschichte interessierte. Er blieb neugierig auf neue Formen, auch wenn seine Filme immer weniger bequem wurden.
Godard erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Goldenen Bären für Alphaville, den Ehrenoscar der Academy und späte Preise in Cannes. Gleichzeitig blieb er eine umstrittene Figur. Seine politischen Positionen, sein Verhältnis zu Israel und Palästina und einzelne Aussagen oder Bilder führten wiederholt zu Vorwürfen des Antisemitismus. Diese Kritik steht neben seiner filmischen Bedeutung und gehört zu einer ehrlichen Einordnung seines öffentlichen Lebens. Godard war kein versöhnlicher Klassiker, sondern ein Künstler, an dem sich Bewunderung und Widerspruch immer wieder entzündeten.
Godard lebte seit vielen Jahren zurückgezogen in Rolle am Genfersee. Am 13. September 2022 starb er dort im Alter von 91 Jahren. Sein juristischer Berater bestätigte, dass Godard in der Schweiz assistierte Hilfe zum Sterben in Anspruch genommen hatte. Die Würdigungen nach seinem Tod stellten vor allem sein Werk in den Mittelpunkt: mehr als sechs Jahrzehnte radikale Auseinandersetzung mit Bildern, Sprache und Geschichte.
Jean-Luc Godards Vermächtnis liegt in einer Veränderung des Sehens. Nach ihm konnte ein Film springen, zitieren, stolpern, theoretisieren, sich selbst unterbrechen und trotzdem Kino bleiben. Er machte die Kamera leicht, die Montage sichtbar und den Gedanken im Bild hörbar. Viele seiner Filme bleiben anstrengend, manche absichtlich. Doch gerade darin liegt seine Bedeutung. Godard verlangte vom Publikum nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Mitarbeit. Er behandelte Kino nicht als fertige Sprache, sondern als etwas, das immer wieder neu erfunden werden muss.
bis 1967
Elf Uhr nachts
Lemmy Caution gegen Alpha 60
bis 1970
bis 2022
Vorname Carmen
Schütze deine Rechte
Adieu au langage