
Valéry Giscard d’Estaing (* 2. Februar 1926 in Koblenz; gestorben am 2. Dezember 2020 in Authon, Loir-et-Cher) war ein französischer Politiker und von 1974 bis 1981 Präsident der Französischen Republik. Er trat als moderner, europäisch denkender Staatsmann der Mitte-Rechts-Politik auf und prägte Frankreich mit gesellschaftlichen Reformen, wirtschaftspolitischer Fachkenntnis und einem starken Einsatz für die europäische Einigung. Seine Amtszeit steht zugleich für die Spannungen der 1970er-Jahre: Ölkrise, Arbeitslosigkeit, Konflikte im bürgerlichen Lager und die Affären, die seine Wiederwahl belasteten.
Giscard d’Estaing wurde in Koblenz geboren, weil sein Vater dort nach dem Ersten Weltkrieg in der französischen Verwaltung im besetzten Rheinland tätig war. Die Familie stammte aus einem bürgerlich geprägten Milieu mit starken Wurzeln in der Auvergne. Nach seiner Schulzeit in Paris erlebte Giscard d’Estaing als Achtzehnjähriger die Befreiung von Paris im August 1944 und schloss sich danach der 1. Französischen Armee an. Nach Kriegsende setzte er seine Ausbildung fort, besuchte die École polytechnique und später die École nationale d’administration.
1956 wurde Giscard d’Estaing erstmals Abgeordneter des Puy-de-Dôme. Die Auvergne blieb für ihn politisch wichtig; dort baute er über Jahrzehnte seine lokale Verankerung auf. In Paris machte er sich vor allem als Finanzpolitiker einen Namen. Er arbeitete in der Finanzverwaltung, wurde Staatssekretär und später Finanzminister. Schon vor seiner Präsidentschaft verband sich sein politisches Profil mit wirtschaftlicher Kompetenz, technokratischer Sprache und dem Anspruch, Frankreich moderner und europäischer auszurichten.
Nach dem Tod von Georges Pompidou gewann Giscard d’Estaing am 19. Mai 1974 die Präsidentschaftswahl gegen François Mitterrand. Er war 48 Jahre alt und wirkte im Vergleich zu vielen politischen Figuren der Nachkriegszeit bewusst jünger und offener. Seine Kampagne setzte auf Nähe, Fernsehpräsenz und das Versprechen einer ruhigeren, liberaleren Modernisierung. Der neue Präsident wollte Frankreich nicht revolutionieren, sondern gesellschaftlich öffnen und institutionell beweglicher machen.
Der Beginn seiner Amtszeit brachte mehrere Reformen, die das Alltagsleben in Frankreich veränderten. 1974 wurde die Volljährigkeit auf 18 Jahre gesenkt. 1975 wurde die von Simone Veil vertretene Reform zur freiwilligen Schwangerschaftsunterbrechung verkündet. Im selben Jahr folgte die Reform des Scheidungsrechts, darunter die Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen. Diese Entscheidungen machten Giscard d’Estaings Präsidentschaft zu einer wichtigen Phase gesellschaftlicher Liberalisierung, auch wenn die Reformen politisch umkämpft waren.
Außenpolitisch gehörte Giscard d’Estaing zu den prägenden europäischen Politikern seiner Generation. Besonders eng war seine Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Helmut Schmidt. Beide dachten europäische Integration auch wirtschafts- und währungspolitisch. Aus ihrer Zeit gingen wichtige Impulse für den Europäischen Rat, das Europäische Währungssystem und die spätere gemeinsame Währung hervor. 1975 fand in Rambouillet der erste Gipfel der führenden Industriestaaten statt, ein Vorläufer des G7-Formats. Für Giscard d’Estaing war Europa kein Schmuckthema, sondern Teil der französischen Staatsräson.
Seine Präsidentschaft fiel in eine schwierige wirtschaftliche Phase. Die Ölkrisen und das Ende der langen Nachkriegsprosperität trafen Frankreich hart. Arbeitslosigkeit und Inflation erschwerten den Modernisierungsanspruch. Auch politisch wuchs der Druck: Das Verhältnis zu Jacques Chirac zerbrach, das rechte Lager blieb gespalten, und die Bokassa-Diamantenaffäre beschädigte Giscard d’Estaings Ansehen. Am 10. Mai 1981 verlor er die Stichwahl gegen François Mitterrand. Damit endete seine Präsidentschaft nach einem einzigen Septennat.
Nach 1981 zog sich Giscard d’Estaing nicht aus der Politik zurück. Er blieb in der Auvergne aktiv, wurde erneut Abgeordneter, war Präsident des Regionalrats und gehörte dem Europäischen Parlament an. Seine spätere Rolle lag vor allem in Europa. 2001 wurde er an die Spitze des Konvents zur Zukunft Europas berufen, der einen Verfassungsvertrag für die Europäische Union ausarbeitete. Der Entwurf scheiterte später in Referenden in Frankreich und den Niederlanden, doch seine Arbeit blieb ein wichtiger Moment der europäischen Reformdebatte.
2003 erhielt Giscard d’Estaing den Internationalen Karlspreis zu Aachen. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Académie française. Diese späten Ehrungen zeigten, dass seine Bedeutung über die sieben Jahre im Élysée hinausging. Am 2. Dezember 2020 starb Valéry Giscard d’Estaing in Authon im Alter von 94 Jahren. Er war zu diesem Zeitpunkt der am längsten lebende ehemalige Präsident Frankreichs.
Valéry Giscard d’Estaing bleibt als Präsident einer Übergangszeit sichtbar. Er modernisierte Frankreich in gesellschaftlichen Fragen, stärkte den europäischen Kurs des Landes und suchte eine neue Form politischer Darstellung. Zugleich zeigen Wirtschaftskrise, innenpolitische Brüche und die Debatten um sein Verhältnis zu Bokassa die Grenzen seines Projekts. Sein Vermächtnis liegt nicht in einer makellosen Amtszeit, sondern in einer Politik, die Frankreich nach 1968 und nach de Gaulle in die Gegenwart der 1970er-Jahre führen wollte: jünger, liberaler, technischer und europäischer.
bis 1951