

US-amerikanischer Chemiker
Carl Djerassi (* 29. Oktober 1923 in Wien; gestorben am 30. Januar 2015 in San Francisco) war ein österreichisch-US-amerikanischer Chemiker, Hochschullehrer, Unternehmer, Schriftsteller und Dramatiker. Er gehörte zu dem Syntex-Team, das 1951 Norethisteron synthetisierte, einen entscheidenden Wirkstoff für die Entwicklung der oralen Antibabypille. Später verband er Forschung, Industrie, Literatur und Kunstförderung auf ungewöhnliche Weise.
Djerassi wurde als Sohn eines bulgarischen Arztes und einer österreichischen Ärztin in Wien geboren. Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland verließ er Europa mit seiner Mutter und kam 1939 in die Vereinigten Staaten. Dort begann er fast ohne Geld neu, studierte zunächst an kleineren Colleges und schloss sein Studium am Kenyon College früh ab. An der University of Wisconsin promovierte er 1945 in Chemie.
Nach der Promotion arbeitete Djerassi bei CIBA in New Jersey, wo er an einem frühen kommerziellen Antihistaminikum beteiligt war. 1949 wechselte er zu Syntex nach Mexiko-Stadt. Dort traf industrielle Chemie auf ein besonderes Rohstoffumfeld: Steroide ließen sich aus Diosgenin gewinnen, einem Stoff aus mexikanischen Yamswurzeln. Syntex wurde dadurch zu einem wichtigen Ort der Steroidforschung, und Djerassi übernahm früh wissenschaftliche Verantwortung.
Am 15. Oktober 1951 gelang bei Syntex die Synthese von Norethisteron. Die Leistung wird mit Carl Djerassi, George Rosenkranz und Luis Miramontes verbunden; Miramontes führte den entscheidenden letzten Syntheseschritt im Labor aus. Der Stoff war oral wirksam und wurde zu einer chemischen Grundlage moderner hormoneller Empfängnisverhütung. Djerassi wurde deshalb oft als „Vater der Pille“ bezeichnet, doch die genauere Geschichte ist die eines Teams, einer mexikanischen Forschungsumgebung und einer Entdeckung mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen.
1959 kam Djerassi an die Stanford University und wurde dort eine prägende Kraft der Chemie. Er publizierte außerordentlich viel und arbeitete an Methoden, mit denen sich die Struktur komplexer Moleküle bestimmen ließ, darunter Massenspektrometrie und optische Verfahren. In den 1960er-Jahren wirkte er außerdem an DENDRAL mit, einem frühen Expertensystem zur chemischen Strukturanalyse. So stand Djerassi nicht nur für einen einzelnen Wirkstoff, sondern auch für den Übergang der Chemie in neue analytische und rechnergestützte Arbeitsweisen.
In der zweiten Hälfte seines Lebens schrieb Djerassi Romane, Theaterstücke und autobiografische Bücher. Er nannte einen Teil dieser Arbeit „science-in-fiction“: wissenschaftliche Milieus, Ehrgeiz, Konkurrenz und ethische Fragen wurden selbst zum literarischen Stoff. Nach dem Tod seiner Tochter Pamela Djerassi Bush entstand 1979 das Djerassi Resident Artists Program in Kalifornien, später eines der bedeutenden kostenfreien Artist-in-Residence-Programme der USA. Aus einem privaten Verlust wurde ein dauerhafter Ort für künstlerische Arbeit.
Carl Djerassi starb am 30. Januar 2015 in San Francisco an den Folgen einer Krebserkrankung. Er wurde 91 Jahre alt. Sein Name bleibt mit der Chemie der Pille verbunden, aber auch mit einem breiteren Lebenswerk: Forschung, Unternehmertum, technische Neugier, Literatur und die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern.
bis 1976
bis 2007