
Freie Stadt Danzig
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Dorfkirche Behlendorf
Günter Grass (* 16. Oktober 1927 in Danzig; gestorben am 13. April 2015 in Lübeck) war Schriftsteller, Dichter, Dramatiker, Grafiker, Bildhauer und politischer Intellektueller. Mit Die Blechtrommel wurde er 1959 international bekannt und gab der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur eine neue, unbequeme Form. Grass schrieb über Erinnerung, Schuld, Verdrängung, deutsche Geschichte und die Brüche des 20. Jahrhunderts. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Sein Werk bleibt bedeutend, seine öffentliche Rolle blieb aber auch umstritten, besonders nach seinem späten Eingeständnis, als Jugendlicher der Waffen-SS angehört zu haben.
Grass wurde in der Freien Stadt Danzig geboren, dem heutigen Gdańsk. Die gemischte deutsche, polnische und kaschubische Welt seiner Herkunft wurde später zu einem zentralen Erinnerungsraum seiner Literatur. Als Jugendlicher erlebte er Nationalsozialismus und Krieg. 1944 und 1945 war er Luftwaffenhelfer und Soldat, wurde verwundet und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg arbeitete er unter anderem in einfachen Berufen, bevor er eine Steinmetzlehre begann und Kunst studierte. Diese Verbindung aus Handwerk, Bildkunst und Sprache blieb für sein Schreiben wichtig.
Nach dem Krieg studierte Grass in Düsseldorf und Berlin Kunst, Grafik und Bildhauerei. Er schrieb Gedichte, Theaterstücke und Prosa, blieb aber zunächst eher ein Suchender zwischen den Künsten. 1955 wurde er Mitglied der Gruppe 47, eines wichtigen Forums der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Dort fand er Anerkennung und literarische Öffentlichkeit. Grass war nie nur Romancier: Zeichnungen, Plastiken und die genaue Arbeit am Material gehörten zu seiner künstlerischen Selbstverständigung. Auch seine Prosa wirkt oft körperlich, bildhaft und voller Gegenstände.
Der Durchbruch kam 1959 mit Die Blechtrommel. Der Roman erzählt aus der Perspektive von Oskar Matzerath, der nicht wachsen will und mit seiner Trommel gegen die Welt anschlägt. Grass verband Groteske, Satire, Fantastik und historische Erinnerung. Danzig, Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit erscheinen nicht als glatte Chronik, sondern als verstörende, oft komische und zugleich grausame Erzählung. Der Roman wurde zum Auftakt der Danziger Trilogie mit Katz und Maus und Hundejahre. Er machte Grass zu einer Stimme, die deutsche Vergangenheit nicht beruhigte, sondern aufriss.
Grass mischte sich früh in politische Debatten ein. In den 1960er-Jahren unterstützte er die Sozialdemokratie und Willy Brandt. Er sprach gegen autoritäres Denken, gegen Verdrängung und gegen nationale Selbstzufriedenheit. Seine Reden, Essays und Romane suchten eine Bundesrepublik, die sich ihrer Geschichte stellt und demokratisch bleibt. Diese öffentliche Rolle machte ihn einflussreich, aber auch angreifbar. Grass konnte moralisch scharf urteilen, manchmal unbequem, manchmal selbstgerecht wirkend, aber immer mit dem Anspruch, Literatur und Politik nicht voneinander zu trennen.
Nach der Danziger Trilogie schrieb Grass weiter in vielen Formen. Örtlich betäubt, Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Der Butt, Die Rättin, Ein weites Feld, Mein Jahrhundert und Im Krebsgang zeigen die Spannweite seines Werks. Er beschäftigte sich mit Krieg, Erinnerung, deutscher Teilung, Wiedervereinigung, Ökologie, Geschlechterbildern und der Frage, wie Geschichte erzählt werden kann, ohne sie zu vereinfachen. Nicht jedes Werk wurde gleich aufgenommen. Gerade Ein weites Feld löste heftige Kritik aus. Grass blieb ein Autor, an dem sich Debatten entzündeten.
Am 30. September 1999 gab die Schwedische Akademie bekannt, dass Günter Grass den Nobelpreis für Literatur erhält. Die Auszeichnung würdigte ein Werk, das die vergessenen und verdrängten Seiten der Geschichte sichtbar gemacht hatte. Für Grass war der Preis eine internationale Bestätigung, aber auch ein später Moment in einer langen öffentlichen Laufbahn. Er stand nun endgültig in einer Reihe mit den großen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, ohne dadurch weniger streitbar zu werden.
2006 sprach Grass in einem Interview und in seiner Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel öffentlich darüber, dass er als 17-Jähriger der Waffen-SS angehört hatte. Die späte Offenlegung löste heftige Debatten aus. Viele fragten, wie ein Autor, der über Jahrzehnte moralische Verantwortung und deutsche Erinnerung eingefordert hatte, so lange über diese eigene Vergangenheit geschwiegen hatte. Der Punkt ist nicht nur biografisch, sondern betrifft seine öffentliche Glaubwürdigkeit. Zugleich bleibt wichtig, dass die literarische Auseinandersetzung mit Schuld, Verdrängung und Erinnerung nicht erst 2006 begann, sondern sein Werk von Anfang an prägte.
Grass lebte viele Jahre in der Nähe von Lübeck und blieb bis ins hohe Alter produktiv. Er schrieb, zeichnete, arbeitete mit dem Steidl Verlag und mischte sich weiter ein, auch wenn seine politischen Äußerungen immer wieder Widerspruch hervorriefen. Am 13. April 2015 starb Günter Grass in Lübeck. Sein Tod wurde als Abschied von einem der wichtigsten und streitbarsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit wahrgenommen.
Günter Grass hinterlässt ein Werk, das Erinnerung nicht glatt macht. Seine Figuren, Bilder und Sätze suchen das Verdrängte, das Groteske, das Beschämende und das Komische in der Geschichte. Seine Bedeutung liegt nicht darin, ein moralisch unangreifbarer Autor gewesen zu sein. Sie liegt in einer Literatur, die deutsche Vergangenheit erzählbar machte, ohne sie zu entschärfen. Gerade die Widersprüche seines Lebens halten sein Werk offen für neue Lektüren: als Kunst der Erinnerung, der Störung und der unbequemen Sprache.
bis 1952
bis 1956
bis 1978